2018 – 2022

Nachbarschaft gestalten – Entwicklung des Albert-Schweitzer-Quartiers
  • Stärkung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens
  • Aufwertung des Wohnumfeldes
  • Wohnungsneubau

Ausgangssituation

Das Albert-Schweitzer-Quartier wird durch die Fabrikstraße, die August-Conrad-Straße, die Berliner Straße und die namensgebende Albert-Schweitzer-Straße stadträumlich eingegrenzt. Zu Beginn der Entwicklungsmaßnahmen prägen vier zu DDR-Zeiten geplante und 1990 fertiggestellte Wohnblöcke in Plattenbauweise mit 170 Wohnungen das Gebiet.

Drei der Blöcke sind u-förmig angeordnet und bilden einen zur Albert-Schweitzer-Straße offenen Hof. Dieser ist weitgehend versiegelt und wird zum Abstellen privater Pkw genutzt. Südlich und südöstlich des Gebäudekomplexes schließen sich Grün-, Spiel- und Brachflächen mit nur geringer Aufenthaltsqualität an.

Das von vier Straßen umgrenzte Albert-Schweitzer-Quartier ist insgesamt durch eine fragmentarische Bebauungsstruktur und Brachflächen gekennzeichnet. Es macht einen unfertigen Eindruck. Aufgrund der ungenutzten Grundstücke und seiner Zentrumsnähe bietet das Gebiet erhebliches Potenzial für den Wohnungsbau.

Mit seiner ethnisch und sozial bunt gemischten Bewohnerschaft hebt das Albert-Schweitzer-Quartier sich von anderen Wohngebieten der Stadt ab. Hier wohnen überdurchschnittlich viele Familien mit Kindern, von denen viele nur über ein geringes Haushalteinkommen verfügen. Zudem besitzt ein großer Teil der Bewohnerschaft eine Migrations- oder Flüchtlingsbiografie. Sprachbarrieren und unterschiedliche Lebensgewohnheiten sind Auslöser für Konflikte in der Nachbarschaft. Auf dem Innenhof regelmäßig anfallender „wilder“ Sperrmüll und ein deshalb ungepflegter Gesamteindruck prägen die öffentliche Wahrnehmung des Quartiers. Aus der Summe dieser Konflikte und Probleme resultiert ein überwiegend negatives Image des Wohngebiets. Bei Wohnungssuchenden ist das Albert-Schweitzer-Quartier nicht sonderlich beliebt.

Integriertes Entwicklungskonzept für das Albert-Schweitzer-Quartier

Mit dem Ziel, die durchaus vorhandenen Potenziale des zentrumsnahen Standortes besser zu nutzen, das Albert-Schweitzer-Quartier sozial zu stabilisieren und für Wohnungssuchende attraktiver zu machen sowie als Voraussetzung für die Einwerbung von Fördermittel, hat die Stadt ein Integriertes Entwicklungskonzept (IEK) für das Wohngebiet aufgestellt. Daraus abgeleitet haben Stadt und HWB im Zeitraum von 2018 bis Anfang 2022 folgende Maßnahmen umgesetzt:

I. Umgestaltung des Innenhofes zu einer autofreien Grün- und Freizeitfläche

Der von den Wohnblöcken Albert-Schweitzer-Straße 3-5 gebildete Hof wurde zu einem Ort des nachbarschaftlichen Miteinanders umgestaltet. Der überwiegend befestigte und als Parkplatz genutzte Hof wurde entsiegelt und zu einer autofreien Grün- und Freizeitfläche mit Outdoormöbeln, Hochbeeten zum gemeinschaftlichen Gärtnern und Spielgelegenheit für Klein und Groß umgebaut. Ein Unterstand für die Müll- und Wertstoffcontainer schirmt den Hof von der Straße ab. Hier können Mieter:innen auch ihre Fahrräder sicher und wettergeschütz abstellen und E-Bikes aufladen. Ein für die Zwischenlagerung von Sperrmüll ausgewiesener Bereich soll die bisherige Praxis der „wilden“ Sperrmüllentsorgung in kontrollierte Bahnen lenken.

II. Um- und Neugestaltung des Wohnumfeldes

Die südlich und südöstlich an die Wohnblöcke Albert-Schweitzer-Straße 3-5 angrenzenden Freiflächen lagen teilweise ungenutzt brach. Heute verbinden sie das „alte“ Albert-Schweitzer-Quartier und die an der Fabrik-, August-Conrad- und Berliner Straße entstandene neue Wohnbebauung. Robuste und wartungsarme Outdoormöbel und Spielgeräte, neue Wege und Plätze sowie eine höhengestaffelte Bepflanzung aus bodendeckenden Gehölzen, Stauden und Gräsern, Solitärsträuchern und Laub- und Obstbäumen sorgen für eine hohe Aufenthaltsqualität für alle Altersgruppen. Durch das gesamte Quartier zieht sich ein Grüngürtel aus heimischen Pflanzen, die zur Steigerung der Biodiversität beitragen. Darin eingebettet finden sich Spiel- und Sportflächen mit Angeboten für verschiedene Altersgruppen, Aufenthalts- und Rasenflächen zur freien Nutzung, Hochbeete zum gemeinsamen Gärtnern, ein Bouleplatz, Wäschetrockenplätze und Sitzecken. Die im Quartier bereits vorhandenen Spielgeräte wurden durch weitere Anlagen zum Balancieren, Klettern, Hangeln, Rutschen und Schaukeln ergänzt. Bei der Auswahl lag der Fokus auf Spielgeräten, die sich gemeinschaftlich nutzen lassen. Der alte Bolzplatz wurde durch ein Multisportfeld mit Toren, Streetballkorb und lärmminderndem Kunststoffbelag ersetzt. Kleine Kletterfelsen sowie mehrere Fitnessgeräte laden zur sportlichen Betätigung ein.

Ausgezeichnet – SPIELRAUM-Preis 2021

Das Albert-Schweitzer-Quartier gehört zu den Preisträgern des Wettbewerbs um den Deutschen SPIELRAUM-Preis 2021. Bei der Preisverleihung im Rahmen der Internationalen Fachmesse für Freiraum, Sport- und Bewegungseinrichtungen Ende Oktober 2021 in Köln wurden das für die Freiraumplanung verantwortlich zeichnende Büro Gast Landschaftsarchitekten und die HWB mit einem Sonderpreis geehrt.

Die Förderung der Begegnung und des Zusammenlebens von neuen und alten Nachbarn, unterschiedlichen Kulturen und Altersgruppen in einem neuen „gemeinsamen Quartier“ sei gelungen, begründete Jurymitglied Gert Wittmoser die Auszeichnung des Albert-Schweitzer-Quartiers. „Alle Angebote bemühen sich um Integration und Inklusion, viele sind auf eine gemeinschaftliche Nutzung ausgelegt: Gemeinsames Spiel bedarf nicht zwingend einer gemeinsamen Sprache! Die drei wichtigsten Grundgedanken bei der Gestaltung der Spiel-, Sport- und Aufenthaltsflächen – generationsübergreifende Nutzbarkeit, Barrierefreiheit und Inklusion – wurden nach Ansicht der Jury überzeugend umgesetzt. Durch die Neugestaltung des Freiraumes wurde die Identifikation mit dem Quartier deutlich verbessert.“

Der Deutsche SPIELRAUM-Preis wird alle zwei Jahre von der Fachzeitschrift „Stadt und Raum“ in Kooperation mit der Ständigen Konferenz der Gartenamtsleiter (GALK e.V.) beim Deutschen Städtetag und dem Deutschen Olympischen Sportbund e.V. (DOSB) ausgelobt. Mit dem renommierten Preis werden vorbildliche Spielräume beziehungsweise deren Träger und Planer gewürdigt.

III. Umbau und Erweiterung des Nachbarschaftstreffs

Der von Anwohner:innen und der gemeinnützige Projekt- und soziale Regionalentwicklungsgesellschaft mbH (PuR) 2006 gegründete interkulturelle Nachbarschaftstreff in der Albert-Schweitzer-Straße 4 ist ein Ort, an dem Bewohner:innen des Quartiers miteinander statt übereinander reden, an dem Menschen unterschiedlicher Nationalität und Religion zusammen kochen und essen. Der Nachbarschaftstreff ist ein Ort, der Integration unterstützt und ein friedliches, nachbarschaftliches Miteinander befördert. Um den Nachbarschaftstreff noch attraktiver und einladender zu gestalten und um mehr Raum für Begegnung sowie für Beratungs-, Bildungs- und Freizeitangebote zu schaffen, hat die HWB die für den Treff zur Verfügung gestellte 3-Raum-Wohnung modernisiert und von 69 auf 139 Quadratmeter erweitert. Im Außenbereich ist eine große Terrasse für Aktivitäten unter freiem Himmel entstanden. Für Menschen mit Handicap wurde ein barrierefreier Zugang zur Terrasse und zum Nachbarschaftstreff geschaffen.

IV. Integrationsmanagement / Soziale Arbeit im Quartier

Wie die Erfahrungen der sozialen Quartiersentwicklung zeigen, sind die Bewohner:innen selbst wichtige Akteure für eine positive Veränderung ihrer Lebensbedingungen. Um sie aktiv zu unterstützen und zu bestärken, wurde zeitlich befristet ein Integrationsmanagement für das Quartier eingesetzt. Von Oktober 2018 bis September 2021 hat das Integrationsmanagement mit einer Reihe niedrigschwelliger Angebote und Projekte das nachbarschaftliche Zusammenleben gefördert und die Integration der Bewohner:innen in Nachbarschaft und Gesellschaft unterstützt.

Mit dem Ziel, die Integrations- und Sozialarbeit im Albert-Schweitzer-Quartier auszubauen, zu verstetigen und zu qualifizieren, haben die Stadt Hennigsdorf, die PuR und die HWB das Projekt „Soziale Arbeit im Quartier“ initiiert. Seit April 2022 sind zwei sozialpädagogische Fachkräfte in dem Wohngebiet präsent und aktiv. Sie bieten den Bewohner:innen des Quartiers umfassende Sozialberatung vor Ort und unterstützen die Angebote und Projekte des Nachbarschaftstreffs.

Das Projekt „Soziale Arbeit im Quartier“ ist zunächst auf zwei Jahre befristet und wird zum Ende des Zeitraumes evaluiert. Träger des von Stadt und HWB zu gleichen Teilen finanzierten Projektes ist die PuR.

V. Wohnungsneubau

Entlang der Fabrikstraße, August-Conrad-Straße und Berliner Straße hat die HWB drei Mehrfamilienhäuser errichtet. Mit den viergeschossigen Neubauten werden städtebauliche Leerstellen geschlossen und das Albert-Schweitzer-Quartier komplettiert.

Das Bauvorhaben wurde mit Mitteln aus dem 100-Millionen-Programm für den sozialen Wohnungsbau des Landes Brandenburg gefördert. 86 der 114 entstandenen Zwei- bis Fünf-Raum-Wohnungen unterliegen einer Mietpreis- und Belegungsbindung. Die Erstvermietung erfolgte entsprechend der Förderrichtlinien für 5,50 bzw. 7 Euro (Nettokaltmiete) an Haushalte mit Wohnberechtigungsschein.

Die Hofflächen der Gebäude wurden weitestgehend von Pkw-Stellplätzen freigehalten und als Grün- und Spielflächen gestaltet. Die entsprechend der kommunalen Stellplatzsatzung erforderlichen Pkw-Stellplätze wurden in einer Tiefgarage unter dem Neubau an der Fabrikstraße und einem zentralen Parkdeck an der Albert-Schweitzer-Straße konzentriert.

Der Wohnungsneubau in Zahlen

  • Fabrikstraße 11B – 11E: 42 Wohnungen und 49 Pkw-Tiefgaragenstellplätze
  • August-Conrad-Straße 12 – 14: 22 Wohnungen
  • Berliner Straße 62 – 66: 50 Wohnungen
  • gesamt 114 Zwei- bis Fünf-Raum-Wohnungen mit Wohnflächen zwischen 43 bis 105 Quadratmetern
  • alle Wohnungen sind barrierefrei nach DIN 18040-2 und verfügen über einen Balkon oder eine Terrasse

VI. Neuorganisation des ruhenden Verkehrs – Bau eines Parkdecks

Als Ersatz für die im Innenhof der Wohnblöcke Albert-Schweitzer-Straße 3-5 weggefallenen Pkw-Stellplätze hat die HWB auf dem östlich der Wohnblöcke gelegenen Parkplatz ein zweigeschossiges Parkdeck mit 97 Stellplätzen errichtet. Das Parkdeck ist so konzipiert, dass es künftig auch als „Basisstation“ sowohl für die individuelle Elektromobilität der Mieter:innen als auch für Miet- oder Sharing-Angebote genutzt werden kann.

Kosten, Finanzierung und Fördermittel

Für die unter I. bis IV. genannten Projekte und Bauvorhaben wurden knapp drei Millionen Euro aufgewendet. Davon wurden 2.467.000 Euro mit Fördermitteln aus dem Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“* finanziert. Als Fördermittelempfänger steuerte die Stadt Hennigsdorf einen Eigenanteil in Höhe von 274.400 Euro bei. Die verbleibenden rund 172.000 Euro haben die HWB und die Stadt sich geteilt.

Für die unter V. und VI. genannten Bauvorhaben waren Gesamtkosten von 24,3 Millionen Euro veranschlagt. Davon hat die HWB 14,7 Millionen Euro über ein zinsloses Förderdarlehen der Investitionsbank des Landes Brandenburg (ILB) und einen Förderzuschuss in Höhe von 2,4 Millionen Euro finanziert. Zusätzlich hat die HWB Fremdkapital in Höhe von 3,4 Millionen Euro aufgenommen sowie Eigenmittel (inklusive Grundstücke) in Höhe von 3,8 Millionen Euro aufgewendet.

*Der 2017 aufgelegte Investitionspakt „Soziale Integration im Quartier“ wird von Bund (75 Prozent), Ländern (15 Prozent) und Kommunen (10 Prozent) finanziert.