Stolpersteine gegen das Vergessen

Aktionsbündnis H.A.L.T. und HWB gedenken am Stolperstein für Clara Schabbel den Opfern nationalsozialistischer Verfolgung

Das Hennigsdorfer Aktionsbündnis H.A.L.T. hatte dazu aufgerufen, am 9. November – in Gedenken an die Pogromnacht vor 84 Jahren – die Hennigsdorfer Stolpersteine zu putzen und der Opfer der NS-Zeit zu gedenken. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 begannen im nationalsozialistischen Deutschland direkte und gezielte Gewaltaktionen gegen die jüdische Bevölkerung. Bei den von den Nazis organisierten und gelenkten Attacken wurden Synagogen und jüdische Geschäfte angezündet und geplündert, Menschen wurden getötet und in Konzentrationslager verschleppt. Die Novemberpogrome waren der Beginn der systematischen Vernichtung der Juden im Holocaust.

„Wir möchten an dieses unrühmliche Kapitel der Geschichte erinnern, weil es in unserer Stadt keinen Platz gibt für Gewalt, Fremdenfeindlichkeit und Intoleranz“, betont die Hennigsdorfer Gemeinwesenbeauftragte Kerstin Gröbe. Dafür stünde auch der Zusammenschluss von Gruppen und Einrichtungen sowie Beiräten der Stadt ein, der sich seit 2009 als H.A.L.T. für Integration und gegen Rassismus in der Stadt einsetzt. Die AG Stolpersteine ist eine von verschiedenen Gruppen innerhalb des parteiübergreifenden Bündnisses.

Die in den Boden eingelassenen Stolpersteine erinnern an die Opfer der nationalsozialistischen Judenverfolgung und an die vielen anderen Menschen, die in der NS-Zeit ermordet, deportiert, vertrieben oder in den Suizid getrieben wurden. Seit 1992 verlegt der Künstler Gunter Demnig die Messingtafeln, meist im Gehweg vor den letzten frei gewählten Wohnhäusern der NS-Opfer. Seit mehreren Jahren werden die Stolpersteine am Jahrestag der Pogromnacht von Freiwilligen geputzt.

Als Patin des Stolpersteins für die antifaschistische Widerstandskämpferin Clara Schabbel hat sich die HWB auch in diesem Jahr an dem stillen Gedenken beteiligt. Bereits am Vormittag hatte Iris Rogge von der AG Stolpersteine des Aktionsbündnisses H.A.L.T. die Messingplatte des Stolpersteins vor der Clara-Schabbel-Straße 11 gründlich geputzt. Am Abend wurden Kerzen entzündet und Iris Rogge lass aus dem Abschiedsbrief von Clara Schabbel, den sie Stunden vor ihrer Hinrichtung am 5. August 1943 aus dem Zuchthaus Berlin-Plötzensee an ihre Familie schrieb:

„Liebe Mädels, lieber Schwager, liebe Neffen und Nichten, ich sende Euch heute einen Abschiedsgruß. Meine Lebenszeit ist abgelaufen. Grämt Euch nicht, ich habe bald alles überstanden. Vielen Dank für eure Liebe …

Ich habe keine Angst und sterbe ruhig. Bewahrt mir einen Platz in Eurem Herzen. Grüßt alle Freunde von mir, die ihr noch irgendwie kennt und seht. Bleibt alle recht gesund und mögt ihr noch viele schöne Stunden gemeinsam verleben. Hoffentlich hat der Krieg bald ein Ende …

Also lebt recht, recht wohl. Ich küsse Euch alle in Gedanken innigst. Eure Schwester, Schwägerin und Tante Klara.“

Das größte dezentrale Mahnmal der Welt

Was 1992 als Idee für eine Kunstaktion begann, ist heute Teil der deutschen und europäischen Erinnerungskultur. Der Kölner Künstler Gunter Demnig hat mittlerweile mehr als 96.000 Stolpersteine in zahlreichen europäischen Ländern verlegt und so tausenden Opfern des Nazi-Regimes eine Identität gegeben und sie dorthin zurückgebracht, wo sie einst ihre Heimat hatten. Die Stolpersteine gelten als das größte dezentrale Mahnmal der Welt.

Stolpersteine in Hennigsdorf

Insgesamt zehn Stolpersteine erinnern heute an zehn ehemalige Bürgerinnen und Bürger der Stadt, die in der NS-Zeit verfolgt, vertrieben und ermordet wurden. Am 11. Mai 2006 und 15. Juli 2019 hat Gunter Demnig die Stolpersteine in Hennigsdorf verlegt.

  • Heinrich Bartsch // Marwitzer Straße 48
    Der antifaschistische Widerstandskämpfer Heinrich Bartsch wurde 1936 von den Nazis verhaftet und 1944 im KZ Sachsenhausen ermordet
  • Ernst, Dora, Liesel und Ursel Blaschke // Neuendorfer Straße 23
    Der AEG-Direktor Ernst Blaschke emigrierte im Dezember 1933 mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern nach Spanien, wo sich die Spuren der Familie verlieren.
  • Klara und Wilhelm Busse // Berliner Straße 18
    Klara und Wilhelm Busse, die den Zeugen Jehovas angehörten – eine Glaubensgemeinschaft, die schon 1933 verboten wurde – kamen in Konzentrationslager. Klara Busse ist 1943 im KZ Auschwitz gestorben. Ihr Ehemann Wilhelm überlebte den Todesmarsch vom KZ Sachsenhausen und wohnte nach 1945 gemeinsam mit Tochter Gerda wieder in Hennigsdorf. Wegen seiner Religion wurde er 1950 von der DDR-Justiz zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Wilhelm Busse starb 1957 während der Haft.
  • Ludwig Goldmann // Waldstraße 40
    Das von Ludwig Goldmann geführte Schuhgeschäft in der Waldstraße 40 wurde in der Programnacht vom 9. November 1938 von Hennigsdorfer SA-Leuten attackiert. Später wurden das Geschäft arisiert und Ludwig Goldmann im November 1941 nach Minsk deportiert, wo sich seine Spuren verlieren.
  • Else Ernestine Bela Lachmann // Hauptstraße 13
    Else Lachmann führte mit ihrem Sohn Ernst ein Uhren- und Schmuckgeschäft in der Hauptstraße 13. Beim Novemberpogrom von 1938 wurde der Laden geplündert und die Lachmanns aus Hennigsdorf vertrieben. 1943 wurde Else Lachmann nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
  • Clara Schabbel // Clara-Schabbel-Straße 11
    Die kommunistische Widerstandskämpferin Clara Schabbel wurde 1942 verhaftet und am 5. August 1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet

Stolpersteinverlegung am 11. Mai 2006: Dr. Helmut Fritsch (links) – Initiator der Hennigsdorfer Stolpersteine – und der Künstler Gunter Demnig (rechts) gemeinsam mit Leo Schabbel, Sohn der von den Faschisten 1943 hingerichteten Clara Schabbel.