www.wohnen-in-hennigsdorf.de

Musik als Lebenselixier

Ihre Bewertung: Keine

„Unser Schuldirektor hatte Geburtstag“, erinnert sich Erna Koesling, „und ich hab das »Ännchen von Tharau« gesungen.“ Der Direktor begleitete sie auf der Geige und die Mitschüler lauschten ihrem Gesang so gebannt, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Wie alt sie damals war, daran kann Erna Koesling sich nicht mehr genau erinnern.

Wenn die heute 78-Jährige ihr Leben Revue passieren lässt, kommt sie oft auf das Thema Musik zu sprechen. Früh war dem Lehrer ihre schöne Stimme aufgefallen. Schon in der dritten Klasse durfte sie im Schulchor singen. „Operettensängerin wollte ich werden“, lacht Erna Koesling heute über einen Kindheitstraum, aber ihr Lehrer hat sie auf den Boden der Realität zurückgeholt.
Operettensängerin, das passte nicht in die Zeit und zu den Verhältnissen, aus denen sie stammte.

Ihr Vater verdiente wie viele Hennigsdorfer den Lebensunterhalt der Familie bei der AEG. 1935 hat er für seine Frau und die beiden Töchter ein kleines Haus in der Erzbergerstraße gebaut. Zwei Zimmer und Küche. „Wir waren die ersten hier“, erzählt Frau Koesling. Das Gebiet war gerade abgeholzt worden. An den feinen weichen Sand erinnert sie sich, der – wenn sie nicht aufpasste – die Münzen verschluckte, für die Erna eigentlich ein paar Zigaretten für den Vater holen sollte. „Meine Kindheit in Hennigsdorf war sehr schön“, schwärmt Erna Koesling, „wir haben zu Hause oft gesungen und unser Vater hat viel mit uns unternommen.“ Im Sommer ist er mit seinen Töchtern in das Freibad an der Havel schwimmen gegangen und im Winter hat er sie mit dem Schlitten gezogen. Aber schon damals war er krank. Erna Koesling war erst 14, als ihr Vater starb. Sein Tod und das Ende der Schulzeit bedeuteten auch den Abschied von der sorgenfreien Kindheit.

In ihrem langen und arbeitsreichen Berufsleben fand Erna Koesling nicht oft Zeit für die Musik. Das änderte sich erst, als sie schon Rentnerin war. Seit Jahren singt sie im Seniorenchor der Volkssolidarität und eine Elektroorgel hat sie sich zugelegt. Wie selbstverständlich spielt sie nicht nur Schubert, sondern auch Cat Stevens auf dem Instrument. „Als ich noch jung und verliebt war, habe ich Gedichte und Lieder geschrieben“, erzählt Erna Koesling. Als die Liebe dann zerbrach, hat sie alles verbrannt. „Schade eigentlich.“ Heute hilft ihr das Dichten ein wenig über ihre Krankheit hinweg.

In den schlaflosen Nächten zwischen den Chemotherapien-Behandlungen gegen das Krebsleiden entstand die Hymne auf Hennigsdorf, die sie zur Einweihung des Quartier D mit einer Freundin vortragen will. „Ein paar Lieder sind noch in Arbeit“, verrät Erna Koesling. Wohl auch als Therapie gegen den Abschiedsschmerz: Ende Juni ist sie in eine der Seniorenwohnungen im Quartier D gezogen. „Alle haben mir zugeredet“, erzählt Frau Koesling, ihre Krankheit, die Arbeit am Haus und der große Garten – Argumente gab es viele. Leicht fiel der Abschied vom Elternhaus aber trotzdem nicht, sagt Frau Koesling. „Es hängen so viele Erinnerungen an dem Haus.“

Loggen oder registrieren um einen Inhalt zu taggen