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Hennigsdorf und die Cohns

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Mehr als eine kleine Baugeschichte aus Hennigsdorf

Als der Berliner Zeitungsverleger Emil Cohn 1885 das Gut Nieder Neuendorf und in den darauf folgenden Jahren eine Reihe von Grundstücken in Hennigsdorf erwarb, hatte der Ort gerade einen Bahnanschluss nach Berlin bekommen. Mit der Eisenbahn kam allmählich die Industrie nach Hennigsdorf. Vielleicht hatte Cohn schon damals das Hennigsdorfer Potenzial zum Industriestandort erkannt. Den Triumph, mit seiner Prognose richtig zu liegen, erlebte er nicht mehr. Die AEG ließ sich erst fünf Jahre nach dem Tode Emil Cohns in Hennigsdorf nieder.

Ursprünglich wollte der AEG-Gründer Emil Rathenau in Eberswalde, am Finowkanal, eine neue Fabrik errichten. Dort fand das Unternehmen jedoch kein geeignetes Grundstück. Deshalb suchte die AEG nach einem anderen Standort – in Hennigsdorf wurde sie fündig. Auf der Generalversammlung der AEG im Oktober 1910 berichtete Rathenau, dass man „zum Bau einer Porzellanfabrik und zur Erweiterung der übrigen Betriebe ein Gelände von cirka 300 Morgen direkt am Groß-Schifffahrtsweg gelegen, erworben habe, so dass für die nächsten 50 Jahre vorgesorgt sei.“

1909 verkauften Emil Cohns Kinder einen Teil der geerbten Hennigsdorfer Grundstücke an die Terrain- und Hafengesellschaft, eine Tochter der AEG. 1910 ging auch das Gut Nieder Neuendorf in den Besitz der AEG über. Im Zuge der AEG-Ansiedlung wuchs Hennigsdorf rasch. Ein Plan von 1919 sah erstmals die Bebauung des heutigen Cohnschen Viertels vor. In dem Plan ist die Fontanestraße bereits ausgewiesen. Bis die Bebauungspläne aber konkretere Formen annahmen, sollten noch einige Jahre vergehen. Am 6. Juni 1932 schlossen die Cohnschen Erben und die Stadt Hennigsdorf einen so genannten Aufschließungsvertrag zur Bebauung des Geländes. Die Cohnschen Erben wollten das Grundstück in 206 Parzellen aufteilen – alle zwischen 500 und 1000 Quadratmeter groß – und als Bauland für Einfamilienhäuser verkaufen. Trotz des Vertrages konnten sie ihre Pläne nicht realisieren.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 begann die systematische Verfolgung und Unterdrückung der Juden in Deutschland – die „Arisierung“ des jüdischen Besitzes war eine Form der Repressalien. Seit der Jahreswende 1937/38 betrieben die Nazis vor dem Hintergrund des 1936 verkündeten zweiten Vierjahresplans die „Arisierung“ jüdischen Eigentums systematisch. Die geraubten Besitztümer sollten dazu beitragen, die Wirtschaft binnen vier Jahren kriegs- und die Armee einsatzfähig zu machen. Hennigsdorf spielte als Industriestandort in diesen Plänen sicherlich eine wichtige Rolle.

Am 12. April 1938 mussten die Cohnschen Erben ihr Grundeigentum an die Gemeinnützige Wohnungsbau A.G. Groß-Berlin (GEWOBAG) verkaufen. Fünf Jahre später, am 17. März 1943, werden die drei Töchter Emil Cohns von der Großen Hamburger Straße in Berlin mit dem vierten großen Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Die Nazis raubten den Deportierten nicht nur die Freiheit, sondern auch allen Besitz. Nur Cohns Tochter Bianca Israel überlebte die Torturen des Konzentrationslagers. Durch einen glücklichen Umstand kam sie im Februar 1945 in die Schweiz.

Insgesamt wollte die GEWOBAG 700 Wohnungen auf dem Gelände bauen. Am 13. März 1939 erteilte die Baupolizei die Baugenehmigung für die 394 Wohnungen des ersten Bauabschnitts. Am 11. August 1941 erfolgte die „Gebrauchsabnahme“. In dem Antrag für den nächsten Bauabschnitt schreibt die GEWOBAG am 6. Mai 1941: „Das Bauvorhaben He 4 umfasst 88 Volkswohnungen. Die Wohnungen werden für die Rüstungsarbeiter der AEG erstellt und sind unter Dringlichkeitsstufe 1 – Kennziffer PE Berlin 87 – anerkannt.“ Am 5. Dezember 1941 erteilte die Hennigsdorfer Baupolizei der GEWOBAG die Baugenehmigung für den zweiten Bauabschnitt, im März 1944 nahm sie die Wohnungen ab.

1946 hat die Sowjetische Militäradministration die GEWOBAG enteignet. Sieben Jahre später arbeiteten auf dem Areal wieder Bauleute. Zwischen 1953 und 1957 entstanden die Wohnhäuser an der Nauener, Hirsch- und Fasanenstraße. Ein Bebauungsplan von 1954 sah neben den Wohnhäusern auch eine Schule, einen Kindergarten, eine Krippe, eine Poliklinik und Apotheke sowie eine Gaststätte vor. Der Bau dieser Infrastruktureinrichtungen scheiterte sicherlich am mangelnden Geld und Baumaterial. Statt dessen entstanden einige im Bebauungsplan nicht vorgesehene Wohnhäuser und Garagen.

In den 60er Jahren fand mit der Errichtung von drei Mehrfamilienhäusern in der Bergstraße die Bautätigkeit im heutigen Cohnschen Viertel ihr vorläufiges Ende.

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