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Der lange Marsch zum Supermarkt

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Dem Bau des Nieder Neuendorfer Ortsteilzentrums standen viele Hindernisse im Wege

In den letzten Jahren glich Nieder Neudorf einer riesigen Baustelle. Neue Quartiere schossen wie Pilze aus dem märkischen Sand und die Einwohnerzahl wuchs mit rasantem Tempo. Nur für den Bau des nötigen Supermarktes fand sich lange Zeit kein Investor.

Anfang der 90er Jahre weckte der Hennigsdorfer Ortsteil Nieder Neuendorf mit seiner grünen und verkehrsgünstigen Wasserlage am Berliner Stadtrand bei so manch einem Investor Begehrlichkeiten. Um Geld und Bauwillen in geordnete Bahnen zu lenken, erklärte 1995 die Stadtverordnetenversammlung Nieder Neuendorf zum Entwicklungsgebiet.

Seitdem hat sich in Nieder Neuendorf viel verändert. Deutlichster Beleg dafür ist die Verzehnfachung der Bevölkerung: Zählten die Statistiker Anfang der 90er Jahre gerade einmal 300 Nieder Neuendorfer – hat der Ortsteil heute rund 3300 Einwohner. Und nach den Plänen der Hennigsdorfer Gesellschaft für Stadtentwicklung mbh (HGS) und der Bauträger sollen es bis 2008 rund 5000 Einwohner werden. An Bauland oder Eigenheimen für fast jeden Geschmack mangelt es jedenfalls nicht.

Heute bietet Nieder Neuendorf nicht nur Berliner Stadtflüchtlingen ein neues Domizil. Auch viele Hennigsdorfer – junge Familien wie ältere Ehepaare – haben sich hier ihren Traum von den eigenen vier Wänden oder einer modernen Mietwohnung erfüllt. „Hennigsdorfer haben eine starke Ortsbindung“, sagt Jochem Lunebach, Geschäftsführer der HGS. Das große Angebot an Wohneigentum und Mietwohnungen in Nieder Neuendorf ist ein wesentlicher Grund, dass Hennigsdorf nicht wie andere Kommunen von einem rapiden Bevölkerungsschwund betroffen ist.

Ganz ohne Probleme verlief die Entwicklung Nieder Neuendorfs aber nicht. So mangelt es den vielen Neubürgern noch immer an Einkaufsmöglichkeiten vor Ort. Am Yachthafen und an der Dorfstraße gibt es zwar ein paar kleine Läden, die reichen für die tägliche Grundversorgung aber nicht aus. Der Bebauungsplan Nummer 33 soll den Mangel beseitigen. Direkt im historischen Ortskern, gegenüber dem Dorfanger, steht ein geeignetes Grundstück für einen Supermarkt schon länger bereit.

Der ursprüngliche Plan der HGS sah vor, die ortstypischen Hofgebäude auf dem Grundstück – einschließlich der Scheune an der Schmalseite des Hofes – zu erhalten und in ein Ortsteilzentrum mit Büros, Läden, Wohnungen und einem Supermarkt umzuwandeln. „Wir wollen aber keinen Supermarkt in einer Einheitskiste mit einem großen Parkplatz drumherum“, erklärt Lunebach das Konzept. Jedoch ein Investor fand sich trotz bundesweiter Suche nicht. Niemand war bereit, die mit zusätzlichen Kosten verbundenen Restriktionen dieses Standortes auf sich zu nehmen. Aber nicht nur die hohen städtebaulichen Anforderungen ließen die Investoren abwinken: Es erwies sich auch als äußerst schwierig, einen Supermarkt-Betreiber für das Projekt zu begeistern. Die Einwohnerzahl Nieder Neuendorfs hat sich zwar verzehnfacht, ein Supermarkt braucht aber eigentlich eine höhere Einwohnerzahl. Ohne einen Kundenmagneten wie den Supermarkt hätten jedoch auch die anderen kleinen Geschäfte kaum eine Perspektive, umreißt Lunebach die komplizierte Konstellation. Daher sei das Projekt am Dorfanger aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht auch kein Liebhaberobjekt.

Andere Standorte für eine schnelle Lösung – und die sei notwendig – gäbe es aus städtebaulicher Sicht in Nieder Neuendorf aber nicht. Zumal das vorgesehene Grundstück eine Neuganze Reihe von Vorteilen bietet: Es liegt im Ortskern an der Hauptstraße, ist selbst mit dem Fahrrad gut zu erreichen und der Bus hält quasi vor der Supermarkttür. Daher entschlossen sich HGS und HWB vor gut einem Jahr, das Problem gemeinsam anzugehen. Nach Meinung Lunebachs bietet diese Lösung den großen Vorteil, dass die HWB als Investor mit Ortsbindung an einer nachhaltigen Entwicklung wirklich interessiert ist.

„Bei allem Engagement fordert der Standort aber von allen Beteiligten Kompromisse – vom Entwicklungsträger, vom Investor und vom Markt-Betreiber“, erklärt Lunebach. Einer dieser Kompromisse ist der Verzicht auf die alte Scheune. Deren Sanierung sprengt jeden wirtschaftlichen Rahmen. „Und ein Liebhaber, der uns den Ausbau der Scheune sponsern würde, hat sich bis heute nicht gemeldet“, bemerkt Lunebach. „Zudem hätten wir dann das Problem, eine sinnvolle und finanzierbare Nutzung für die Scheune zu finden.“ Außerdem müssten die Nieder Neuendorfer weiterhin nach Spandau oder Hennigsdorf zum Einkaufen fahren.

Als HWB und HGS Anfang 2001 mit ihren Vorstellungen einschließlich der Abrisspläne für die Scheune an die Öffentlichkeit gingen, löste dies im Hennigsdorfer Bauausschuss eine heftige Kontroverse aus. Selbst ein Vergleich mit der Sprengung der weltberühmten Buddha-Statuen von Bamiyan durch die afghanischen Taliban wurde in der Debatte bemüht. Zum Weltkulturerbe möchte der HGS-Chef den Abrisskandidaten dann aber doch nicht zählen. „Es gibt in Nieder Neuendorf wesentlich besser erhaltene Scheunen“, sagt Lunebach, „wenn auch nicht auf städtischem Grund.“ Außerdem bleibe der Charakter des Hofes am Dorfanger erhalten, denn die HWB plane auf dem Grundriss der alten Scheune ein neues Gebäude. Keine Replik – aber in Bauvolumen, Architektur und Materialität lehnt sich der Neubau an seinen Vorgänger an. „Mit ihrem Konzept für den Dorfanger“, ist Lunebach optimistisch, „schafft die HWB die baulichen und räumlichen Voraussetzungen für mehr als die reine Konsumbefriedigung.“ Davon konnte Wolf-Rüdiger Schwarz letztlich auch die Stadtverordneten bei einer Präsentation der von seinem Architektenbüro entworfenen Gebäude überzeugen.

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